
Zwischen Leben und Abschied - aus dem Alltag einer Trauerrednerin
Über Menschen, bewegende Geschichten, große Gefühle und die kleinen Momente, in denen manchmal sogar gelacht werden darf.
Wenn mich jemand fragt, was ich eigentlich beruflich mache, könnte ich ganz einfach antworten: Ich halte Trauerreden.
Das stimmt natürlich. Aber es ist ungefähr so, als würde man über einen Koch sagen, er macht irgendetwas mit Lebensmitteln. Es beschreibt die Tätigkeit, aber längst nicht das, was dahintersteckt.
Denn bevor ich eine Rede halte, höre ich erst einmal zu. Ich lerne Menschen kennen, die ich selbst nie kennenlernen durfte. Ich erfahre von ihrem Leben, ihren Eigenheiten, ihren Vorlieben und manchmal auch von ihren kleinen Macken. Ich höre Geschichten, die mich berühren, zum Nachdenken bringen und gelegentlich herzhaft schmunzeln lassen.
Und dann sitze ich da, mit meinen Notizen, meinen Gedanken und einer großen Verantwortung: Aus all diesen Erinnerungen soll eine Rede entstehen, die einem Menschen gerecht wird. Eine Rede, in der sich die Familie wiederfindet und bei der sie sagen kann: Ja, genau so war er. Genau so war sie.
Ich schreibe nicht einfach eine Lebensgeschichte
Natürlich gehören die wichtigsten Stationen in eine Trauerrede. Geburt, Kindheit, Beruf, Familie, besondere Erlebnisse. Aber eine Lebensgeschichte ist für mich mehr als eine Aneinanderreihung von Jahreszahlen.
Mich interessiert, was einen Menschen unverwechselbar gemacht hat.
War er derjenige, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte? Die Frau, die für jeden ein offenes Ohr besaß? Jemand, der alles ganz genau nahm und bei dem selbst die Socken vermutlich in Reih und Glied lagen? Oder einer, der seinen eigenen Kopf hatte und sich auch von guten Argumenten nicht unbedingt beeindrucken ließ?
Gerade diese kleinen Eigenheiten erzählen oft mehr als ein ganzer Lebenslauf.
Manchmal höre ich beim Trauergespräch eine Geschichte und denke: Die muss unbedingt in die Rede! Nicht, weil sie besonders spektakulär wäre, sondern weil sie so viel über diesen Menschen verrät.
Und manchmal braucht es ein bisschen Geduld, bis sich aus den einzelnen Erinnerungen ein Bild zusammensetzt. Denn jeder Mensch wird von seinen Angehörigen anders erlebt. Was für den einen selbstverständlich war, ist für den anderen eine ganz besondere Erinnerung.
Meine Aufgabe ist es, daraus eine Geschichte zu machen, die den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit zeigt; liebevoll, ehrlich und mit dem nötigen Feingefühl.
Darf man bei einer Trauerfeier lachen?
Unbedingt!
Natürlich hat eine Trauerfeier ihren ernsten Anlass. Ein Mensch ist gestorben, und die Angehörigen müssen Abschied nehmen. Da gibt es Schmerz, Tränen und manchmal eine Sprachlosigkeit, die kaum auszuhalten ist.
Aber ein Leben bestand doch nicht nur aus ernsten Momenten. Es wurde gelacht, gestritten, gefeiert, diskutiert und manchmal auch herrlich Unsinn gemacht.
Warum sollte ausgerechnet beim Abschied all das plötzlich keinen Platz mehr haben?
Ich finde, eine Trauerfeier darf auch ein Schmunzeln hervorlocken. Vielleicht erinnert sich jemand daran, wie der Verstorbene grundsätzlich alles besser wusste. Oder wie die Verstorbene mit einem einzigen Blick deutlich machen konnte, dass jetzt besser Schluss mit lustig war. Vielleicht gab es eine besondere Leidenschaft, eine kuriose Angewohnheit oder einen Satz, den man noch heute genau in seiner Stimme hören kann.
Wenn dann ein leises Lachen durch die Reihen geht, ist das kein Zeichen mangelnder Trauer. Es ist eine Erinnerung an das Leben, das dieser Mensch geführt hat.
Humor darf dabei niemals auf Kosten der Angehörigen gehen. Aber wenn eine Geschichte liebevoll erzählt werden kann und alle wissen, was gemeint ist, dann darf sie ihren Platz bekommen.
Denn wir verabschieden keinen Menschen, der ausschließlich aus Würde und Ernsthaftigkeit bestand. Wir verabschieden einen Menschen, der gelebt hat. Oft werde ich dann nach der Feier herzlich umarmt. Ich spüre, die Anspannnung ist abgefallen. Das ist für mich der schönste Moment.
Jeder Mensch verdient seine eigene Rede
In meiner Arbeit gibt es keine Rede von der Stange.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Manche Lebenswege waren leicht, andere von Verlusten, Krankheit oder schwierigen Entscheidungen geprägt. Manche Menschen waren ausgesprochen herzlich, andere eher kantig. Und nicht jeder war ein einfacher Zeitgenosse.
Das Leben ist nun einmal kein Wunschkonzert, und Menschen sind keine glatt polierten Figuren, bei denen immer alles passt.
Ich möchte niemanden im Nachhinein zu einem Heiligen machen. Das wäre weder glaubwürdig noch würde es dem Menschen gerecht werden. Mir ist wichtig, seine Persönlichkeit mit Wohlwollen zu betrachten und dabei ehrlich zu bleiben. Auch schwierige Seiten dürfen ihren Platz haben, wenn sie zum Verständnis dieses Menschen gehören.
Es geht nicht darum, über jemanden zu urteilen. Es geht darum, sein Leben anzuschauen, Zusammenhänge zu verstehen und das Wesentliche herauszuarbeiten.
Dabei helfen mir meine Erfahrung, meine Menschenkenntnis und vor allem das Zuhören. Denn hinter einer zunächst unscheinbaren Erzählung verbirgt sich manchmal etwas, das für die Familie von unschätzbarem Wert ist.
Und was ist mit den Angehörigen?
Die Menschen, die zu mir kommen, befinden sich häufig in einer Ausnahmesituation. Ein geliebter Mensch ist gestorben, vieles muss organisiert werden, Entscheidungen sind zu treffen, und dazwischen versucht man irgendwie, den eigenen Alltag zu bewältigen.
Manchmal sprudeln die Erinnerungen nur so heraus. Manchmal fehlen zunächst die Worte. Und manchmal wird während eines Trauergesprächs zum ersten Mal seit Tagen wieder gelacht.
Ich möchte, dass sich Angehörige bei mir nicht verstellen müssen. Sie dürfen traurig sein, durcheinander, nachdenklich oder auch erleichtert, wenn eine lange und schwere Zeit zu Ende gegangen ist. Sie dürfen erzählen, was schön war, aber auch, was schwierig gewesen ist. Ich lese zwischen den Zeilen, merke mir, was mir an der Haustür noch zugeworfen wurde und immer bin ich sensibel für die Stimmung, die ich wahrnehme. Oft erfahre ich die schönsten Anekdoten, wenn wir uns einfach nur unterhalten, denn ich nehme mir Zeit in Ruhe zusammenzusitzen.
Niemand muss mir eine perfekte Familiengeschichte präsentieren.
Ich höre zu, frage nach und helfe dabei, aus vielen Gedanken eine stimmige Geschichte zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, was gesagt werden soll, sondern auch darum, wie es gesagt werden kann.
Manche Dinge brauchen eine behutsame Formulierung. Andere dürfen ganz direkt ausgesprochen werden. Und wieder andere lässt man besser ungesagt, weil nicht alles, was wahr ist, auch in eine Trauerrede gehört.
Für mich ist das ein wichtiger Teil meiner Arbeit: Worte zu finden, die berühren, ohne zu verletzen, die Trost ermöglichen, ohne etwas schönzureden, und die den Angehörigen das Gefühl geben, mit ihrer Geschichte gesehen zu werden.
Eine Trauerfeier ist auch eine Feier des Lebens
Ich mag den Gedanken, dass eine Trauerfeier nicht allein vom Tod handelt, sondern vor allem von dem Leben, das vorausgegangen ist.
Natürlich müssen wir Abschied nehmen. Wir müssen begreifen, dass jemand nicht mehr zurückkommt, und einen Weg finden, mit dieser neuen Wirklichkeit umzugehen.
Aber wir dürfen dabei auch zurückschauen. Auf gemeinsame Urlaube, Familienfeste, kleine Rituale, vertraute Gewohnheiten und all die unscheinbaren Augenblicke, die sich im Laufe der Jahre zu einem gemeinsamen Leben zusammengefügt haben.
Vielleicht ist es die Erinnerung an einen bestimmten Geruch in der Küche. An den Platz im Garten, an dem jemand am liebsten saß. An eine Leidenschaft, die niemand so recht nachvollziehen konnte, die dem Verstorbenen aber unendlich viel bedeutete.
Das sind die Dinge, die bleiben. Nicht immer sofort, und nicht immer ohne Schmerz. Aber sie gehören zur Geschichte eines Menschen, und sie können mit der Zeit zu wertvollen Begleitern werden.
Ich wünsche mir, dass Angehörige nach einer Trauerfeier nicht nur den Schmerz des Abschieds mit nach Hause nehmen, sondern auch etwas von diesem gelebten Leben. Eine Erinnerung, die wärmt. Einen Gedanken, der Mut macht. Oder eine Geschichte, über die sie irgendwann wieder lächeln können.
Und was macht eine Trauerrednerin eigentlich zwischen zwei Trauerfeiern?
Nun, ich sitze nicht den ganzen Tag bei Kerzenschein und denke über die großen Fragen des Lebens nach. Obwohl das gelegentlich durchaus vorkommt.
Ich führe Gespräche, schreibe, verwerfe Formulierungen, suche nach dem passenden Übergang und feile an einzelnen Sätzen. Manchmal ist ein Gedanke sofort da. Manchmal ringe ich länger mit einer Formulierung, bis sie sich richtig anfühlt.
Ich recherchiere, bereite Musikübergänge vor, stimme mich mit den Beteiligten ab und denke darüber nach, wie eine Rede gesprochen werden muss, damit sie nicht nur auf dem Papier gut klingt.
Denn geschriebene Worte und gesprochene Worte sind zwei verschiedene Dinge. Ein Satz darf schön sein, aber er muss auch verständlich bleiben, wenn ihn jemand in einem emotionalen Moment hört.
Und ja, manchmal sitze ich ziemlich lange an einem einzigen Absatz. Nicht, weil ich es kompliziert machen möchte, sondern weil ich weiß, dass diese Worte für die Angehörigen eine besondere Bedeutung haben können.
Am Tag der Trauerfeier selbst ist dann Konzentration gefragt. Ich möchte präsent sein, die Atmosphäre wahrnehmen und den Menschen, um den es geht, würdig verabschieden.
Eine Trauerrede lässt sich nicht einfach wiederholen wie ein Vortrag. Dieser Moment gehört den Menschen, die gekommen sind, um Abschied zu nehmen. Und genau das macht meine Arbeit für mich so verantwortungsvoll.
Warum ich diese Arbeit mit ganzem Herzen mache
Es gibt Berufe, bei denen man am Ende des Tages ein fertiges Produkt in den Händen hält. Bei meiner Arbeit ist das anders.
Ich kann den Angehörigen ihren Verlust nicht abnehmen. Ich kann keine Trauer wegreden und keine Antworten auf alle Fragen geben. Aber ich kann ihnen zuhören, ihre Erinnerungen ernst nehmen und Worte finden, die ihnen helfen, diesen Abschied bewusst zu gestalten.
Ich kann dafür sorgen, dass ein Mensch noch einmal sichtbar wird, mit seiner Geschichte, seinem Charakter und den Spuren, die er hinterlassen hat.
Und ich darf Menschen begegnen, die mir etwas anvertrauen, das sehr persönlich ist. Das empfinde ich als großes Vertrauen und als Verantwortung, der ich gerecht werden möchte.
Vielleicht ist es genau diese Mischung, die meine Arbeit ausmacht: Nachdenklichkeit und Humor, Nähe und Professionalität, ein offenes Ohr und die Suche nach den richtigen Worten. Während der Feier bin ich einfühlsam und beobachte genau. Wenn ich merke, dass es nötig und passend ist, halte ich auch während eines Liedes eine Hand, frage leise nach, ob es zu viel wird, ob ich helfen kann. Meine Angehörigen sollen sich zu jeder Zeit gesehen und sicher fühlen. Ich gestalte nicht nur eine Trauerfeier, ich möchte in jedem Moment nah und zuvorkommend sein.
Denn bei aller Erfahrung ist jede Begegnung neu. Jeder Mensch ist anders. Und jede Familie bringt ihre eigene Geschichte mit.
Wenn am Ende einer Trauerfeier das Gefühl bleibt, dass dieser Mensch noch einmal ganz nah war, dann haben Worte etwas geschafft, was sie allein auf den ersten Blick kaum vermögen. Sie haben eine Erinnerung lebendig werden lassen.
Und darum geht es mir.
Um Worte, die bleiben. Herzlichst, Heike von Trauerfels