Eines Tages müssen wir sterben - heute aber nicht

Wir müssen alle sterben - warum wir das Leben trotzdem genießen sollten

„Fluffy, eines Tages müssen wir sterben“, sagt die Oma auf der Parkbank zu ihrem strubbeligen Hund. Gemütlich scheint der Augenblick, sie blicken in den Sonnenuntergang, das dämmrige Licht spiegelt sich im Wasser.

Fluffy denkt kurz nach und antwortet: „Heute aber nicht!“

Ich finde, Fluffy hat etwas verstanden. Nicht, dass wir uns mit dem Tod nicht beschäftigen sollten. Ganz im Gegenteil. Aber vielleicht müssen wir auch nicht jeden schönen Nachmittag damit verbringen, über das Ende nachzudenken. Manchmal reicht es völlig, wenn wir uns um die Frage kümmern, ob noch ein Stückchen Kuchen da ist.

Ich beschäftige mich beruflich mit dem Tod. Und ich mag das Leben!

Als freie Trauerrednerin begegne ich dem Tod regelmäßig. Ich höre Lebensgeschichten, begleite Familien durch schwere Stunden und erlebe, wie schmerzlich es ist, einen geliebten Menschen gehen lassen zu müssen.

Ich weiß, wie plötzlich sich ein Leben verändern kann. Wie schnell aus einem ganz gewöhnlichen Dienstag der Tag wird, an dem nichts mehr ist wie es einmal war. Und ich weiß, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben, so sehr wir uns das manchmal auch wünschen. Ich höre wie unterschiedlich Menschen sterben und manchmal ist ohne Mühe für Alpträume gesorgt. Ja, eigentlich ist es zum verzweifeln, todtraurig.

Vielleicht könnte man meinen, dass man bei so viel Tod irgendwann besonders ernst wird. Dass man jeden Tag mit einem nachdenklichen Blick beginnt und sich fragt, wie viele Sonnenaufgänge wohl noch übrig sind.

Aber ganz ehrlich: Das wäre mir auf Dauer zu anstrengend, obwohl es manchmal durchaus so ist.

Ich aber möchte lachen, albern sein, mich über Kleinigkeiten freuen, gutes Essen genießen und mich von einem Sonnenuntergang verzaubern lassen. Ich möchte Menschen umarmen, die mir wichtig sind, und mich auf Dinge freuen, die noch vor mir liegen. Ich möchte meine Enkel knuddeln, mit den Hunden spielen und mich im Theater in eine andere Welt entführen lassen.

Denn gerade weil ich weiß, wie kostbar das Leben ist, möchte ich es nicht ausschließlich mit Gedanken an seine Ende verbringen.

Der Tod gehört zum Leben. Aber er soll nicht das ganze Leben bekommen.

Wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist. Und nun?

Eigentlich ist es eine merkwürdige Sache mit uns Menschen. Wir wissen, dass unser Leben endlich ist. Trotzdem tun wir oft so, als hätten wir unbegrenzt Zeit.

Wir verschieben Besuche auf irgendwann, Wünsche auf später und die schönen Dinge auf einen Zeitpunkt, an dem endlich alles passt.

Wenn die Arbeit erledigt ist. Wenn das Haus aufgeräumt ist. Wenn wir endlich weniger Stress haben. Wenn wir ein bisschen mehr Geld, ein bisschen weniger Sorgen und endlich die perfekte Figur haben.

Dann, ja dann, werden wir das Leben genießen.

Nur leider hat das Leben die Angewohnheit, sich nicht immer an unsere Terminplanung zu halten.

Und während wir darauf warten, dass irgendwann alles perfekt ist, zieht draußen der Herbst ein, die Kinder sind auf einmal groß, die Freunde älter und die Jahre vergangen.

Vielleicht sollten wir deshalb öfter einmal mitten im ganz normalen Alltag innehalten und uns fragen: Was genau hält mich eigentlich davon ab, heute schon ein bisschen glücklicher oder sogar verrückter zu sein?

Muss wirklich erst alles erledigt sein, bevor ich mich auf die Terrasse setzen darf? Darf ich mir den Kuchen auch gönnen, wenn die Küche noch nicht geputzt ist? Und wer hat eigentlich festgelegt, dass man seine Lieblingsmenschen nur an Geburtstagen anrufen sollte?

Das Leben findet nicht erst statt, wenn wir mit unseren Aufgaben fertig sind. Es findet währenddessen statt.

Die Schönheit steckt oft in den kleinen Dingen

Wenn ich draußen unterwegs bin, die Natur beobachte und den Wechsel der Jahreszeiten erlebe, wird mir immer wieder bewusst, wie selbstverständlich wir vieles hinnehmen.

Ein Morgen, an dem das Licht durch die Bäume fällt. Der Duft von feuchtem Waldboden. Ein Vogel, der völlig unbeeindruckt von unseren Alltagssorgen sein Lied singt. Ein Spaziergang, bei dem die Gedanken langsam zur Ruhe kommen.

Die Natur hält keine großen Reden darüber, dass alles vergänglich ist. Sie zeigt es uns einfach.

Blüten öffnen sich und verwelken. Blätter fallen und machen Platz für Neues. Was gestern noch grün war, leuchtet heute golden und liegt morgen vielleicht schon auf dem Weg.

Und trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, dem Herbst vorzuwerfen, dass er nicht ewig dauert.

Vielleicht dürfen wir auch unser eigenes Leben ein wenig mehr so betrachten. Nicht alles muss für immer bleiben, um schön und wertvoll zu sein.

Ein Urlaub endet. Ein schöner Abend geht vorbei. Kinder werden erwachsen. Menschen verändern sich. Und manchmal müssen wir uns von jemandem verabschieden, den wir am liebsten für immer bei uns behalten hätten.

Das macht die gemeinsame Zeit nicht weniger wertvoll. Es macht sie kostbar.

Liebe nicht auf später verschieben

Wenn ich eines aus den Begegnungen mit trauernden Menschen mitnehme, dann ist es die Erkenntnis, wie wichtig unsere Beziehungen sind.

Am Ende eines Lebens geht es selten darum, ob die Fenster immer blitzblank waren oder ob der Rasen akkurat gemäht wurde. Es geht um Erinnerungen. Um gemeinsame Erlebnisse. Um liebevolle Gesten. Um Gespräche, die gutgetan haben, und um Menschen, bei denen wir einfach wir selbst sein durften.

Es geht um das Gefühl, geliebt zu haben und geliebt worden zu sein.

Natürlich können wir nicht jede Beziehung retten und nicht jeden Streit verhindern. Wir werden Fehler machen, Dinge sagen, die wir später bereuen, und manchmal zu stolz sein, um den ersten Schritt zu tun.

Aber vielleicht können wir ein bisschen öfter über unseren Schatten springen.

Ein Anruf, obwohl man sich lange nicht gemeldet hat. Eine Entschuldigung, die längst überfällig ist. Ein ehrliches „Ich hab dich lieb“. Ein Besuch ohne besonderen Anlass.

Wir müssen nicht auf einen traurigen Anlass warten, um einander zu zeigen, dass wir uns wichtig sind.

Und wenn wir schon dabei sind: Wir dürfen Menschen auch sagen, was wir an ihnen schätzen, solange sie es selbst hören können. Komplimente sind schließlich keine Grabbeigaben. Sie machen sich zu Lebzeiten wesentlich besser.

Zuversicht ist keine Garantie. Aber eine Haltung.

Natürlich wäre es schön, wenn wir unser Leben planen könnten, ohne ständig mit Überraschungen rechnen zu müssen. Wenn Gesundheit selbstverständlich wäre, unsere Liebsten immer an unserer Seite blieben und wir wüssten, dass noch genügend Zeit für all unsere Vorhaben bleibt.

Aber so funktioniert das Leben nicht.

Es gibt Krankheiten, Abschiede, Enttäuschungen und Tage, an denen uns die Zuversicht abhandenkommt. Es gibt Zeiten, in denen die Leichtigkeit einfach nicht zu finden ist. Dann dürfen wir traurig sein. Dann müssen wir nicht tapfer lächeln oder krampfhaft das Positive suchen.

Lebensfreude bedeutet nicht, dass wir das Schwere ausblenden.

Und Zuversicht bedeutet nicht, dass wir sicher sein müssen, dass alles gut wird.

Vielleicht bedeutet Zuversicht manchmal einfach, darauf zu vertrauen, dass auch nach einer schweren Zeit wieder etwas Schönes kommen darf. Dass wir wieder lachen können, obwohl wir jemanden vermissen. Dass wir uns neu verlieben, neue Wege einschlagen oder unverhofft Freude an etwas finden, das wir längst abgeschrieben hatten.

Wir dürfen um Menschen trauern und gleichzeitig das Leben lieben. Wir dürfen die Endlichkeit anerkennen und trotzdem Pläne machen. Wir dürfen Angst vor dem Abschied haben und uns auf den nächsten Urlaub freuen.

Das eine hebt das andere nicht auf.

Und was machen wir jetzt mit dem heutigen Tag?

Ich hätte da ein paar Vorschläge.

Geh doch nach draußen. Auch wenn der Himmel nicht aussieht wie aus einem Urlaubskatalog. Rufe einen Menschen an, an den du gerade denkst. Hole dir etwas zu essen, das dir schmeckt. Höre Musik, die dich glücklich macht. Lache über einen schlechten Witz, über gute lachen alle.

Mache Pläne. Lerne etwas Neues. Sei neugierig. Lass dich überraschen. Und wenn das Leben dir einen besonders schönen Moment schenkt, dann versuche nicht sofort, ihn zu fotografieren, zu bewerten oder für später aufzubewahren. Behalte ihn im Herzen!

Sei einfach da.

Und wenn du heute nichts Großes schaffst, ist das auch in Ordnung. Nicht jeder Tag muss ein Abenteuer sein. Manchmal ist ein ruhiger Nachmittag, eine Tasse Kaffee und ein lieber Mensch am Küchentisch schon genug Leben.

Wir müssen nicht jeden Tag auskosten, als wäre es unser letzter. Dieser Gedanke kann nämlich ganz schön unter Druck setzen. Es reicht, wenn wir versuchen, unsere Tage nicht ausschließlich vorbeiziehen zu lassen.

Vielleicht mit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Ein bisschen mehr Mut. Ein bisschen mehr Liebe. Und manchmal auch mit einem gesunden Maß an Unvernunft.

Tanze durch Pfützen, gehe auf dem Spielplatz schaukeln, benimm dich einfach mal daneben.

Mein Fazit: Der Tod darf mit am Tisch sitzen. Aber er bekommt nicht den besten Platz.

Ich werde mich auch weiterhin mit dem Tod beschäftigen. Ich werde Lebensgeschichten hören, Abschiede begleiten und mit Familien Worte finden, wenn die eigenen Worte fehlen.

Ich werde nachdenklich sein und manchmal traurig. Ich werde mich daran erinnern, wie schnell sich alles verändern kann.

Aber ich möchte deshalb nicht weniger leben. Ich möchte bewusster leben. Die Natur wahrnehmen, Begegnungen schätzen, die Liebe feiern und mich über die kleinen Wunder des Alltags freuen.

Ich möchte nicht erst am Ende feststellen, dass ich vor lauter Nachdenken über die Vergänglichkeit vergessen habe, wie schön das Leben zwischendurch sein kann.

Denn wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt. Aber wir können mitentscheiden, wie wir der Zeit begegnen, die wir haben.

Vielleicht sollten wir deshalb öfter ein bisschen wie Fluffy sein: Wir wissen, dass das Leben endlich ist. Wir müssen das nicht verdrängen. Aber heute ist heute.

Und wenn die Sonne scheint, der Kaffee duftet, jemand unsere Hand hält oder der Hund mit wedelndem Schwanz vor der Tür steht, dann dürfen wir alles andere getrost vergessen.

Wir müssen alle sterben. Aber bis dahin gibt es noch eine Menge zu leben.

Und jetzt entschuldige mich bitte. Die Sonne scheint, das Herbstlaub strahlt mir in den schönsten Farbe entgegen. Ich gehe jetzt erstmal an die frische Luft. Mach doch mit!

Schön dass du am Leben bist!

Herzlichst, Heike von Trauerfels

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